Was hat "Kochkunst" mit Kunst zu tun?

Als Fachmann verbindet man Kochkunst spontan mit Escoffiers Kochkunstführer und den optisch außergewöhnlichen Schauplatten der Koch-Olympiaden oder aber mit den wunderbaren Teller-Kunst Abbildungen in modernen Fachmagazinen.

Was hat "Kochkunst" mit Kunst zu tun?

Wohl schon seit Beginn meiner Kochlehre hatte mich die Verknüpfung von Kunst und Kochen – meinetwegen auch andersherum: Kochen und Kunst ins Grübeln gebracht. Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?

Als Fachmann verbindet man Kochkunst spontan mit Escoffiers Kochkunstführer und den optisch außergewöhnlichen Schauplatten der Koch-Olympiaden oder aber mit den wunderbaren Teller-Kunst Abbildungen in modernen Fachmagazinen. Nahezu jeder Mensch ist beeindruckt, wenn er Essbares vor sich sieht, das einem Kunstwerk gleicht. Die Betonung liegt auf „gleicht“! Denn nach meinem Verständnis, davon war ich damals als Kochlehrling überzeugt, zählten verzierte Speisen nicht zu Kunstwerken!

 
Überhaupt war mir die Begriffspaarung Kochen und Kunst suspekt, hielt ich für Blödsinn und aufgeplustert. Unter Kunst verstand ich einzig und allein die „Schönen Künste“, also Musik, Theater, Literatur, wohl auch die verschiedenen Kunstgattungen der bildenden Künste (z.B. Baukunst, Bildhauerei, Malerei, das Kunstgewerbe usw.), niemals aber „Kochtopf-Erzeugnisse“! Die hatten eher etwas mit Erd- und Naturdunganhaftungen, mit Schlachtung, Federn, Fischgeruch, Blut, Zwiebel- und Kartoffelschalen zu tun.
 
Kochen war daher ein durch und durch profanes Handwerk, hatte etwas mit Rühren, Brutzeln, Abschmecken – in Gottes Namen auch noch mit hübschem Anrichten und Verzieren zu tun - aber bitte doch nicht mit Kunst! Trotzdem aber gibt ist die Kollokation „Kochkunst“ – wie passt das zusammen?

Eigentlich hätte ich dieses Verständnisproblem gar nicht haben müssen, weil das bereits vor gut 200 Jahren von Immanuel Kant geklärt worden war. Ich zitiere: „Im engern Sinne sind Handwerk und Kunst genau unterschieden, obwohl es an naher Berührung, ja Verfließen von beiden nicht fehlt; die Kunst wird vom Handwerk unterschieden, die erste heißt freie, die andere kann auch Lohnkunst heißen“. Na also: Handwerk und Kunst sind zu unterscheiden! Aber nicht nur, weil Herr Kant das so sah, denn im Begriff Kunst liegen etymologisch betrachtet – gleich zwei Bedeutungen, nämlich Können und Wissen. Beides geht auf mhd. kunnan zurück. 'Kunnan' aber meint ausschließlich das geistige Vermögen, Wissen, Verstehen, 'Kunde-haben-von', also etwas, das sich nur im Kopf abspielt. Später erst gesellte sich dann auch die handwerkliche Könnerschaft dazu, nämlich: zu etwas 'imstande sein', etwas zu '(ver)-mögen'.1

Dieser Bedeutungszusammenhang von Kopf und Hand begründet auch, weshalb wir in einem (klassischen) Kunstwerk nicht nur die handwerkliche Perfektion bewundern, sondern eben auch die Idee, die Vorstellung von dem, was der Künstler ausdrücken will. Viele berühmte Gemälde oder Plastiken sind genau deshalb so einzigartig, weil sie Kräfte der Natur und menschliche Stimmungen erahnen lassen, die uns ohne die besondere künstlerische Darstellung verschlossen blieben.

Und in der Kochkunst – liegen darin auch Ideen?
Insbesondere bei Kochkunstausstellungen erkennt man, dass der Begriff Kunst auf eine äußerst kreative Technik, die manuelle, technische Leistung reduziert wird. Darin liegt im Kern ein L’art pour l’art, also eine Kunst um der Kunst willen. Alles soll prächtig aussehen - und nicht mehr!
Eine tiefere Idee von dem, was ein klassisches Kunstwerk erst zum Kunstwerk macht, ist nicht gewollt. Diese Schaustücke sollen und wollen keine Ideen ausdrücken – wer will schon ästhetisierte Ideen schmecken und essen?
 
Kochkunstwerke sollen nur staunen machen.2 Sie drücken die menschliche Freude am Kaschieren, am Entfremden unserer banalen pflanzlichen und tierischen Lebensmittel aus. Sie machen Essen zum Abenteuer – nicht mehr, nicht weniger! Und dass uns die pittoresken Platten so sehr gefallen hat einen evolutionsbiologischen Hintergrund: Der Mensch ist ein Allesfresser und stets auf der Suche nach Neuem. Motto: Vielleicht findet sich ja ein noch besserer Happen? Essbare Kunstwerke sind damit das non plus ultra, die diesen Suchtrieb aktivieren und befriedigen.

Beließe man es bei der Faszination, die von diesen Schaustücken auf Kochkunstausstellungen ausgeht, hätte man das Wesen der Kochkunst nicht erfasst, bliebe man an seiner Oberfläche stehen. Im Kern zielen alle Kochanstrengungen auf den Genusswert und der stellt sich nun einmal auf der Zunge ein. Das Auge soll uns lediglich die Attraktivität eines Leckerbissens erahnen lassen – wie gesagt: eines Leckerbissens! - und der ist sicher nicht deshalb so lecker, weil er so schön ist. Vielleicht sollte man für das ausufernde Styling von Essbarem eine neue, eigenständige Bezeichnung einführen: Food-Design ist schon vergeben - wie wäre es mit „Gar-Design“?
Und warum gibt es diese Entwicklung hin zu immer ausgefeilterer Tellerakrobatik? Wenn wir alles im paradiesisch anmutenden Übermaß haben, uns alle Raritäten, kostbaren Essenzen und Basisrohstoffe in allen denkbaren Variationen zur Verfügung stehen, dann bleibt nur noch die gestalterische Option, um den alltäglichen, ordinären Bedarf an Nährstoffen & Co. zu etwas Besonderem werden zu lassen.

Natürliche Grenzen im aromatischen Gestaltungswillen
Versuchen, neue Schmecksensationen zu kreieren, sind allerdings Grenzen gesetzt. Sie führen schnell zu Experimenten mit Nahrungskomponenten, die sich sensorisch fremd sind, sich nicht wirklich ergänzen, ja, sogar widernatürlich sind: Wer z.B. Pralinen, also dominant süße Erzeugnisse, mit Scharfstoffen kombiniert, überrumpelt unsere Sinne. Denn „süß“ ist seit Jahrmillionen ein Lockimpuls, signalisiert Ungefährliches und Gutes. Brennende, beißende Komponenten sollen uns warnen.3 Solche aromatischen Experimente sind dann in Wahrheit nichts anderes als billiger Budenzauber auf der Zunge, also eher das Gegenteil von gut. Sie sind letztendlich Ausdruck einer Dekadenz. Für den übersättigten Wohlstandsmenschen ist das dann offenbar eine willkommene Abwechslung – nun denn! Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. 

Fußnoten

1. Hierzu: Kluge, 1975 , Etymologisches Wörterbuch; S. 413 und 392
2. Vielleicht auch etwas vom Wohlstand des Gastgebers abstrahlen
3. Ätzende Schärfe ist eines der wirksamsten Kampfstoffe der Pflanzen gegen
    Fraßfeinde; sie wird in Scoville gemssen

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